
Als meine Mitbewohnerin auszog, da hatte ich ein neues Leben geschenkt bekommen. Von ihr. Denn ich darf nun zum ersten Mal in meinem gar kurzgefristeten Leben 2 Räumlichkeiten bewohnen. Oh, was habe ich mich gefreut! Getanzt hab ich auf den ollen Dielen, dass der Herr Junker unter mir schon eine Erdbebenwarnung durchgegeben hat. Und dann habe ich angefangen eine Art hyperaktive Putzorgie zu veranstalten. Dutzende einst liebgewonnene Staubflocken und ihre Halbgeschwister wurden dem Staubsaugermagen zugeführt. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich Massenmord begangen habe. Ganze Staubgenerationen wurden ausgelöscht. Ein KZ bei mir zuhause. Aber die Vorfreude auf das vergrösserte Raummaß hat das schlechte Gewissen dann ganz schnell weggewischt.
Und auch ich habe gewischt. Die Wände. Nachdem man nun endlich die Zimmerdecke wieder erkennen konnte, musste ich der Wahrheit ins Gesicht sehen: Meine Mordlust sollte mich teuer zu stehen kommen. Die Wand war durchlöchert wie ein Emmentaler (Warum der so beliebt ist, wo er doch Löcher hat und kaputt ist, weiß ich bis heute nicht.) und die Decke hatte Risse - die vermutlich erst durch meinen Erdbebentanz entstanden sind. Also hab ich den Prinz Adolf geschnappt, "Bei Fuß" gesagt und bin in die Haushaltsabteilung vom örtlichen Karstadt gehuscht. Ein Paradies für tatkräftige Menschen. Ich habe mich sehr wohl gefühlt unter all den Abtönfarben und Fugenspachteln.
Wir haben ganz viel gekauft, Spachtelmasse, eimerweise Farbe, Pinsel, Lack und so halt. An der Kasse türmte ich dann minutenlang meine Schätze auf. Als ich fertig war lugte die nette Karstadtverkäuferin auf ihren Zehenspitzen über den Monte Renoviero und sagte: "Na, das sieht ja nach Arbeit aus." "Ja, ein wenig", sagte ich und kicherte verlegen. "Ich glaube, sie haben noch einen Abroller vergessen, zum Streichen." sagte dann keck die junge Frau Fachverkäuferin, wohl in der Hoffnung auf noch mehr Umsatz. "Oh nein," antwortete ich, "ich habe doch meinen Hund" und deutete dabei auf den Prinz Adolf. Sie guckte etwas zerstreut während sie die Waren über den Scanner schob. "Ja, wissen sie denn nicht, dass Hunde auch gut zum Abrollen sind?" Anscheinend wusste sie das nicht. " Man tunkt den Hund in die Farbe, rollt ihn sachte am Gitter ab und streicht dann schön gleichmäßig die Wand. Pudel eignen sich dafür am besten, weil das Fell so gut saugt. Das tropft dann nicht so, wissen sie? Aber mit dem Prinz Adolf geht das auch ganz gut, weil der so großflächig ist. Da geht das dann viel schneller und für die Ecken hab ich ja den Pinsel." Frau Karstadt nannte dann nur noch die unmenschliche Summe von 148,43 und meditierte über ihr neugewonnenes Wissen. Vermutlich, weil der Dalai Lama ja gerade in Hamburg ist. Wenn mein Zimmer fertig gestrichen ist, werden ich und Prinz Adolf auch dort meditieren. Auf einem Teppich aus Staubflusen. Und wir werden erleuchtet sein. Vom Glanz der gestrichenen Weißheit meiner Wände.